Aref erzählt von seiner Flucht und seiner Ausbildung zum Steinmetz

Aref (li.) im Gespräch mit dem Moderator Issam (re.) im Studio des Internetradios Good Morning Deutschland

 

„Keine verlorene Zeit!“

Aref aus Afghanistan im Interview bei Good Morning Deutschland

 

Von Michael Zeiß

 

Stuttgart, 10.11.2017. Kurz vor der griechischen Küste war die Vorderseite des Schlauchbootes schon im Wasser versunken. Die Kinder und Frauen klammerten sich an das Wrack, die Männer zogen es an Land. „Wie es dann weitergehen sollte, ich hatte keine Ahnung“. Aref erzählt mit leiser, aber klarer Stimme im Internet Radio Good Morning Deutschland seine Fluchterlebnisse. „Angst hatte ich keine, ich hatte ja nur mein Leben zu verlieren. Bei den Vätern und Müttern und Kindern war das anders.“ Issam, der Radiomacher, stellt die Fragen und ist erstaunt, wie gut Arif Deutsch spricht.

 

Etwas über zwei Jahre ist Aref jetzt in Deutschland, die meiste Zeit davon in Feuerbach. Er ist auf eigene Faust geflohen. Afghanistan, Iran, Türkei, Griechenland, Balkanroute, Deutschland, mal alleine, mal gemeinsam mit anderen Flüchtlingen, zwischendurch immer mal wieder gejobbt, um Geld für Schleuser zu verdienen. Arefs Mutter mit sieben Geschwistern ist in der Heimat geblieben, der Vater früh verstorben. Aref ist 24 Jahre alt, immer noch wartet er auf den Asyl-Bescheid. Gleich bei seiner Ankunft in Feuerbach hat erkannt: „Die Sprache zu lernen ist ganz besonders wichtig. Für die Schule, für die Arbeit, für das Kennenlernen der Menschen hier und deren Kultur.“ Er spricht mit einem Schmunzeln im Gesicht, aber auch in verbindlichem Unterton. Im Radio-Interview wird schnell klar, Aref ist kein Theoretiker. „Ich merkte sofort, ich muss raus, muss unter die Leute, darf nicht zu Hause in der Unterkunft sitzen bleiben.“

 

Gedacht, getan. Aref besuchte nicht nur die üblichen Deutsch-Kurse, er bemühte sich auch um Praktikumsplätze, im Altenheim, in der Schule, im Waldheim. „Alle Leute waren freundlich, haben mit mir gesprochen, besonders langsam, damit ich besser verstehe.“ Warum so viele Praktika? „Ich will ich auch etwas zurückgeben, also betreute ich Kinder und pflegte alte Leute. Die Alten haben sich sehr gefreut, das gab mir Energie. Und ich habe dadurch besser Deutsch gelernt.“ Aber damit nicht genug. Aref will einen richtigen Beruf „Zuerst haben mir die Freunde vom Flüchtlingskreis Feuerbach zu Frisör oder Altenpfleger geraten, da gäbe es immer Arbeit.“ Doch Natur und Boden haben Aref geprägt, die harte Arbeit in der Landwirtschaft seiner Eltern, als er in Afghanistan aufwuchs. „Ich wollte etwas mit den Händen machen, mit Steinen, aber auch mit Kunst und Formen.“ So vermittelte der Freundeskreis Flüchtlinge Feuerbach Aref eine Ausbildungsstelle beim größten Steinmetzbetrieb in Stuttgart – und er ist mit Begeisterung dabei. In der Werkstatt, im Büro, auf den Baustellen, auf Friedhöfen, in der Berufsschule, ist mal in Stuttgart, dann zeitweise in Freiburg, in Karlsruhe. „Gut, das Land kennenzulernen.“ Am liebsten ist ihm natürlich das Arbeiten mit Material, aus rohen Steinen  kleine Kunstwerke zu fertigen. „Der Stein und ich, es ist wie eine Freundschaft zwischen uns.“

 

Abends und am Wochenende, berichtet Aref, spiele er Volleyball, gleich in zwei Vereinen, in Feuerbach und in Zuffenhausen. „Volleyball ist ein Ausgleich zum Beruf, zur Steinmetzarbeit, Hände und Arme werden frei“, und er streckt beide Arme vor dem Mikrofon nach oben. „Druck und Schmerzen von der Arbeit lösen sich auf.“ Doch auf die besorgte Frage des Moderators, Steinmetz sei wohl eine sehr harte Arbeit, beruhigt Aref: Es ist keine Schwerarbeit, wir haben auch gute Maschinen und Transportgeräte.“

 

Und dann  erzählt Aref auch von seinem Engagement bei „Start with a friend“. Hier werden Patenschaften zwischen Geflüchteten und Stuttgarter Bürgern organisiert, Aref stellt sich als Übersetzer zur Verfügung. Mit seiner ruhigen Art setzt er sich immer wieder für die Belange der Geflüchteten ein: vermittelt bei Konflikten in den Unterkünften, unterstützt den Freundeskreis Flüchtlinge Feuerbach.

 

Und natürlich die übliche Frage, ob er in Deutschland bleiben will oder zurück nach Afghanistan möchte. „Ich weiß es nicht genau, wahrscheinlich gehe ich zurück.“ Sehnsucht nach der Heimat? „Wo Brot ist, da ist Heimat, sagt man ja so. Stimmt aber bei mir nicht ganz. Tagsüber bin ich bei der Arbeit, abends oft bei Freunden, beim Sport, aber am Wochenende, wenn ich manchmal alleine in meinem Zimmer sitze, dann denke ich an zu Hause, an Afghanistan.“ Auf alle Fälle will Aref seine Berufsausbildung zu Ende machen, dann hier eine Zeitlang arbeiten. „Ich habe eine neue Sprache gelernt, ein neues Land, neue Leute, Freunde, eine neue Kultur. Es ist auf alle Fälle keine verlorene Zeit.“


Refugees Welcome?

Bilder einer Ausstellung von Alireza Nooris' neuem Leben in Deutschland

Von Michael Zeiß

 

Pünktlich kommt er auf mich zu. Jeans, hellbrauner Pullover, Rucksack, ein Lächeln im Gesicht unter der großen Brille. Alireza Nooris, 19 Jahre alt, Geflüchteter aus Afghanistan. Wir hatten uns vor der Schule für Farbe und Gestaltung verabredet, um 15.40 Uhr. Alirezas Ziel ist die Fachhochschulreife. Fotografieren ist seine Leidenschaft. Wir wollen gemeinsam seine Foto-Ausstellung „Refugees Welcome?“ in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart besuchen. „In der letzten Schulstunde hatten wir Kunst“, erzählt mir Alireza auf der Fahrt nach Hohen-heim, „wir haben 3-D-Modelle auf dem Computer entworfen. Als Vorbereitung für ein Weihnachtsprojekt. Da will Ich eine Collage mit Fotos machen. Mit Farbfotos, bunt, freundlich, fröhlich soll es werden.“

 

Die Bilder seiner Ausstellung sind nicht farbig, sie sind ganz bewusst schwarz-weiß gehalten. Schon als Jugend-licher in Afghanistan hatte Alireza fotografiert, mit seiner alten analogen Kamera, auch farbig. Schwarz-Weiß hebt vor allem grafische Elemente hervor, will den Blick des Betrachters auf das Wesentliche lenken.

Am Anfang der Ausstellung sticht sofort eine Brille ins Auge, ganz groß ist sie fotografiert, Wassertropfen auf dem Glas. „Das Foto mit meiner Brille ist Symbol für meinen Blick auf den Alltag in den Flüchtlingsunterkünften.“

 

Im Mittelpunkt der ausgehängten Bilder sind meistens Kinder, aber auch markante Details aus dem Leben der Flüchtlinge, wie Teller und Hände bei der Essensausgabe oder Hände, die Teig kneten „für Gebäck aus Afghanis-tan“. Wie Alireza betont.

Manche Fotos erzählen in ihrer Reihung auch kleine Geschichten. Jungs spielen Fußball und liegen auf dem nächsten Bild abgekämpft vor dem Haus auf einer Matratze. „Die Fotos sind auch eine Erinnerung an meine Heimat. Schwarz-weiß ist natürlich nicht so glücklich wie Farbe, aber die Kinder in meinem Heimatland haben eigentlich gar keine Kindheit, keine Wünsche, nur Ernst, Armut, Bürgerkrieg.“ „Und die Flüchtlingskinder hier?“ frage ich. „Ich zeige viele Situationen, positive und negative. Ich glaube, die Kinder fühlen sich gut hier, es ist nicht ganz perfekt, aber sie sind glücklich, besser als Krieg. Sie können ohne Angst auf der Straße spielen, sie haben eine Chance.“ Grau also die Umgebung der Kinder, die Wirkung der Bilder unterstreichen das Fremde für den Betrachter, und doch strahlen die Protagonisten Zuversicht aus. Alireza berichtet davon, dass viele Freunde, zum Beispiel in der Schule, sagen, dass sie keine Ahnung hätten, was in den Unterkünften passiert. „Ich will zeigen, wie die Leute hier in Deutschland leben. Das ist mein Thema. Bilder können mit allen Leuten sprechen, mit alten und mit jungen.“

Eine Chance bekommen haben auch der Fotograf Alirezas und seine Familie, ein wenig Licht im Dschungel der Asylpolitik für afghanische Flüchtlinge. "Zuerst durfte ich bleiben, und meine Familie nicht. Ich habe diese Regeln nicht verstanden. Aber jetzt hat meine Familie Abschiebeverbot.“ Alireza lebt mit seinen Eltern und vier Schwestern in einer Flüchtlingsunterkunft in Stuttgart, einem ehemaligen Krankenhaus. Fünf Personen, zwei Zimmer.

In dieser Umgebung entstanden die meisten Fotos der Ausstellung. Die Schwestern gehen in das Gymnasium und zur Realschule, die Eltern besuchen Deutschkurse, der Vater absolviert noch eine Zusatzausbildung zum LKW-Fahrer, schon in seiner Heimat steuerte er große Trucks durch den halben mittleren Osten. “Es ist zwar nicht ganz klar, wie lange die Familie bleiben kann oder wann sie gehen muss, aber wir haben zumindest die Gelegenheit, in Deutschland etwas zu machen, Deutsch zu lernen, in die Schule zu gehen, eine Ausbildung zu machen.“ Alireza will später Architektur oder Bauingenieurwesen studieren. "Keine Ahnung, wie lange ich in Deutschland bleiben möchte, zwei Jahre, drei Jahre, zehn Jahre. Und ob ich zurückgehe nach Afghanistan, eine schwierige Frage, aber noch mal in ein anderes Land, noch mal bei Null beginnen, noch einmal ein ganz neues Leben anfangen, wieder alles neu lernenich habe mich für Deutschland entschieden!“

Ich frage nach dem nächsten Projekt. „Da will ich zeigen, farbig und mit digitaler Kamera aufgenommen, was wir Geflüchtet schon erreicht haben.“ Das können wir dann sehen, vielleicht zur Weihnachtszeit, denke ich. Wir stehen vor einer Fotografie, das auf dem Bett im Zimmer von Alirezas Freunden Bücher zeigt, und eine Uhr. „Alles Bücher in deutscher Sprache“, schmunzelt Alireza. Und die Uhr? „Zeit ist In Deutschland etwas ganz Wichtiges. Ich muss sie immer kontrollieren, ich bin immer beschäftigt, von morgens bis abends.“



 

20.04.2017. Zwischen Hoffen und Bangen: eine ganz normale Fluchtgeschichte

 

von Christa Cheval-Saur und Michael Zeiß

 

  

 

Bis zum 31. Dezember 2016 war es ziemlich gefährlich in Afghanistan. Und nach dem Abzug der Bundeswehr nach Mazar e Sharif befürch-tete man offiziell zumindest für Ortskräfte in der Gegend von Kundus noch Schlimmeres. Denn Familienvater M. K. B. erhielt eine schriftliche Zusage vom Bundesinnenministerium, dass er sich und seine Familie mit Visum „dauerhaft“ in Deutschland aufhalten kann.

 

Mit Stolz zeigt der Familienvater das „Certificate of Appreciation“ der ISAF Kommandatur, eine Art Belobigungs- urkunde für die geleistete Arbeit. M. K. B. war nämlich als Elektriker in Kundus bei der Bundeswehr für 389 Dollar Sold im Monat tätig. Dieses Ausreise-Angebot der Bundesregierung – „wegen Gefährdung“ – bestand allerdings nur bis zum Jahresende 2016. Und es wurde immer unerträglicher in Kundus, ständige Bedrohungen der Familie, Zerstörungen. Anschläge. Einer der älteren Söhne wurde entführt, gegen Lösegeld frei gelassen, dann flüchtete er in die Türkei, berichtet Frau M. B. Die Familie verkaufte ihr Hab und Gut, auch ein kleines Haus mit schönem Gar- ten, packte das Nötigste, Herr B. beantragte für sich, die Frau und die minderjährigen Kinder ein Visum, und sie erhielten alle einen Aufenthaltstitel bis März 2019.

 

Denn: die Aufnahmeregelung gilt nur für die „Kernfamilie“, nicht für erwachsene Kinder, so steht es auch in den offiziellen Unterlagen, doch Vater und Mutter B. klammerten sich an vage Versprechen, dass die vier erwachsenen Söhne nach sechs Monaten problemlos von Kundus bzw. der Türkei nachziehen könnten. Jetzt ist die Enttäu- schung riesig, vor allem Frau B. macht die Trennung ungeheuer zu schaffen, sie muss pausenlos an die vier Jun- gen denken, die Nächte schlaflos, das Herz schwer.

 

Familie B. ist dankbar für die Aufnahme in Deutschland, zweifellos, die Eltern warten auf ihren Integrationskurs, die Kinder gehen zur Schule, Abdul Raman, der Jüngste, kommt in den Kindergarten, die kleine Tochter Bahara will Ärztin werden. Und trotzdem, das Leben hier in der Sammelunterkunft, zu dritt auf 14 Quadratmetern, statt im eigenen Haus in der gewohnten Umgebung, ist hart. Jetzt hoffen sie, bald eine eigene Wohnung zu bekommen.

 

Ein Hoffnungsschimmer: das Aufenthaltsgesetz ermöglicht bei ehemaligen Ortskräften den Nachzug sonstiger Familienangehöriger, also auch erwachsener Kinder. Die Betroffenen müssen dazu persönlich bei der Botschaft in Kabul einen eigenen Visumantrag stallen. In der Regel sind hier allerdings für den Nachzug gravierende Gründe geltend zu machen, wie zum Beispiel Krankheit. Der FFF will Familie B. bei der Klärung der komplizierten Rechts- lage unterstützen. Und bei der Suche nach einer Wohnung. Wer eine zur Verfügung hätte, gerne melden unter wohnen@ff-feuerbach.de.
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Verzweifelt im neuen Land

Ein Flüchtling berichtet über die Gründe, nach Syrien zurückzukehren

 

Aufgeschrieben von Michael Zeiß

„Wie geht es dir?“, begrüßt mich Khaldon. “Gut, und dir?“ „Ich bin so traurig.“ Und weiter: „Egal, was ich mache, es ist so schwierig. Und ich denke ständig darüber nach. Hier bleiben oder zurück nach Syrien?“ Wir sitzen in einem Café in Feuerbach, bei Tee und Käsekuchen. Khaldon ist verzweifelt. Seit 16 Monaten lebt er mit seiner Mutter und seiner Schwester in Deutschland, die meiste Zeit in Stuttgart-Feuerbach. Vor drei Wochen hat er Schutz als Kriegsflüchtling erhalten, für ein Jahr. „Und die Schwester und deine Mutter?“. „Die haben immer noch keinen Bescheid. Wir sind jetzt 14 Monate in Deutschland, warum dauert das so lange?“ „Hast du mal bei der Ausländerbehörde nachgefragt?“ „Immer wieder und immer wieder die Antwort: warten!“ Khaldon weiter: „14 Monate in einem kleinen Zimmer mit meiner erwachsenen Schwester und meiner Mutter, das ist hart. Und dann die ständige Angst um meinen kranken Vater in Damaskus.“

 

Khaldouns Vater lebt alleine in Syrien, ist herz- und nierenkrank, bräuchte unbedingt professionelle ärztliche Hilfe. „Wir machen uns große Sorgen. Es gibt nur einen Krankenhaus-Notdienst in Damaskus, keine ständige Hilfe.“ „Hast Du Geschwister, die helfen könnten?“ „Einen Bruder, aber der muss mindestens 14 Stunden am Tag arbeiten, als Mechaniker, sechs Tage die Woche, der hat nicht viel Zeit. Weißt du, in Syrien ist Krieg, es herrschen Hunger und Not, die Armen werden immer ärmer und die Reichen immer reicher.“

 

Für Khaldoun, seine Mutter und seine Schwester ist eine Welt zusammengebrochen. Sie hatten so sehr gehofft, den kranken Vater nachkommen zu lassen, aber der Traum von einem neuen gemeinsamen Leben ohne Krieg in Deutschland ist geplatzt. Auch Schwester und Mutter werden maximal einjährigen Schutz erhalten, und bei einjährigem Schutz ist die Familienzusammenführung abgeschafft worden. “Nächste Woche gehen wir nach Berlin, zur Behörde, und stoppen unseren Asylantrag. Und dann fliegen wir über den Iran zurück nach Damaskus“, Khaldouns Stimme wirkt immer brüchiger.

 

Khaldoun hatte als Fremdenführer im Nationalmuseum von Damaskus gearbeitet. Er hat die Zerstörung der syrischen Kulturstätten hautnah miterlebt, Raketenbeschuss auch in Damaskus. Kurz vor seiner Flucht hat er noch mit Kollegen Kunstschätze kriegssicher verpackt. Seine Schwester studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität in Damaskus. Doch dann wurde die Assad-Diktatur unerträglich, der Bürgerkrieg zerriss das Land. „Wir wollten wir nur noch weg.“ Khaldon mit einem flüchtigen Lächeln, ironisch: „Schon als Kind wollte ich immer mal in die Schweiz, sah Plakate von den hohen Bergen…“. Jetzt also in die Türkei, dann mit einem Schlauchboot durch einen Grenzfluss nach Griechenland, Kilometer lange Märsche durch Wälder, Felder, in der Nacht, bei Regen und Kälte, in Griechenland von der Polizei aufgegriffen, 18 Tage in Haft. Dann die Balkanroute, immer wieder Angst vor der Polizei oder Grenzschützern, zu Fuß, mit dem Bus, mit dem Auto, allein oder in Gruppen. Bruder, Schwester, Mutter, immer beisammen. Endlich Deutschland, endlich Stuttgart.

 

„Was hat dir im letzten Jahr in Deutschland gefallen?“ „Die Leute sind freundlich.“ „Kontakte?“ Ja, vor allem zu Deutschen. Zu einem Deutschlehrer mit Familie, zu Menschen vom Freundeskreis, zu den Sozialarbeitern, zum Haus der Geschichte.“ „Auch zu jungen Leuten in deinem Alter, zu Flüchtlingen in der Unterkunft?“ „Ach weißt du, bei den Flüchtlingen gibt es verschiedene Mentalitäten, in meiner Unterkunft haben nur wenig Interesse an Kultur, ab und zu mal Spazierengehen, sonst machen wir eher nichts gemeinsam. Und die Freunde in Stuttgart sind meist ältere Leute“. „Freunde in deinem Alter?“. „Die Jungen gehen arbeiten und haben leider meistens keine Zeit“. „Gibt es auch manchmal Ärger in der Unterkunft?“ „Ja, natürlich. Saubermachen, Lärm, Küche benutzen oder putzen, Toilette, jeder hat andere Vorstellungen, Streit gibt es schon oft. Aber das ist wirkliche nicht der Grund, warum wir zurück wollen.“

 

Khaldoun hat den Deutschkurs A2 absolviert. „Warum ist deine Schwester so selten draußen zu sehen?“ „Sie kann kein Deutsch.“ „Hätte sie doch lernen können.“ Schweigen. Und dann: „Wir waren immer mit dem kranken Vater beschäftigt, und dann das ewige Warten auf die Asylbescheide.“ Khaldon hat Vorträge gehalten, über Syrien, über zerbombte Kulturstätten, über Palmyra, vor und nach der Zerstörung durch den IS, mit eindrucksvollen Bildern. Mit dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg plante er ein gemeinsames Projekt. „Deutsche Kultur, Christentum, syrische Kultur, Islam, wie hast du beides erlebt in Deutschland?“ „Kein Problem, ich kannte da schon viel durch meine Reiseführerarbeit in Syrien, ich gehe gerne in deutsche Kirchen und schaue mir alles an.“ Und Khaldon wieder: „ Gehen oder Bleiben, es ist so schwierig.“ „Warum?“ „Bleibe ich hier, denke ich immer an meine Familie und meinen kranken Vater. Und an meine Heimat, Syrien. Wenn ich gehe, wird es wahrscheinlich schlecht mit meiner Zukunft.“ „Kann es sein, dass du dann zum Militär musst?“ „Ja“. „Warum lässt du nicht deine Schwester und deine Mutter zurückkehren und bleibst alleine in Deutschland?“ „Das hat meine Mutter auch schon vorgeschlagen. Aber für mich gilt nur, wir gehen alle zurück, ich bleibe bei meiner Familie, wir bleiben zusammen.“ „Was hat dir in Deutschland am besten gefallen?“ „Der Käsekuchen“. Wir müssen beide lachen.


 

Okt. 2016. Weiterhin Flüchtlingsradio aus der Unterkunft Killesberg

 

Das Radioprogramm „Good Morning Deutschland“ wird weiterlaufen. Gesendet wird über das Internet (www.goodmorningdeutschland.org.) aus der Flüchtlingsunterkunft Stuttgart Killesberg immer freitags von 17 Uhr bis 20 Uhr. Die Radiomacher sind Felix Heimbach, Ramin Nawabi, Fatima Berekdar und Issam A.-Karim. Habib aus Feuerbach wird das Team unterstützen.

 

Habib ist ein junger Afghane, der vor über einem Jahr nach Deutschland geflohen ist. Mit zwei weiteren afghanischen Flüchtlingen lebt er in der Unterkunft Wiener Straße und macht zurzeit den Hauptschulabschluss. Er wartet noch immer auf seinen Asylbescheid und hofft, dass er bleiben kann. Den schrecklichen Anschlag auf das Deutsche Konsulat in seinem Heimatland hat er mit Entsetzen aufgenommen. Anschläge sind leider Alltag in Afghanistan. Für das Flüchtlingsradio „Good Morning Deutsch- land“ hat er einen kleinen Beitrag in deutscher Sprache verfasst und in der Sendung am 11.11.16 vorgetragen.
 

 Hochzeitsunterschiede zwischen Deutschland und Afghanistan

 von Habib

 
Aufgefallen ist das Geld. Weil in Afghanistan man sehr viel Geld braucht, um zu heiraten. Das macht einen sehr großen Unterschied zwischen Deutschland und Afghanistan. Das Geld müssen die Eltern der Braut haben.

 

In Deutschland braucht man überhaupt kein Geld, um zu heiraten oder doch ein paar wenige tausende Euros.

 

In Afghanistan bestimmen die Eltern, wen man heiratet, weil sie das Geld zahlen für die ganze Hochzeit. Der Mann mit den Eltern kommt zu den Eltern vom Mädchen. Die können aber sagen, ihr müsst warten, wir müssen noch mit der Tochter sprechen.

 

Wenn ein Mädchen in einem Dorf mit einem Mann gesehen wird, kann sie nie mehr heiraten. In Kabul ist das anders. Bei einem Mann ist das anders. Der kann immer heiraten. In Deutschland entscheiden beide, ob sie heiraten wollen. Und Mädchen und Mann können Freunde haben, egal.

 

Bei uns hat das mit unserer Religion zu tun.


Einer, der auszog Deutsch zu lernen…

von Christa Cheval-Saur, Freundeskreis Flüchtlinge Feuerbach

 

Mitte Januar 2016. Herr A. hat mit seiner Frau eine schriftliche Vorladung bei der Ausländerbehörde in Stuttgart, um die Passanträge zu stellen. Das junge syrische Ehepaar wird an diesem Tag abgewiesen, wegen Personalmangels.

 

Ein neuer Termin soll zugeschickt werden, es gibt ihn aber lange nicht. Bei telefonischen Rückfragen der betreuenden Sozialarbeiterin heißt es lapidar: Warten auf was Schriftliches. Sieben Monate später bekommt das Ehepaar Ende Juli eine Einladung für den 22.8.2016. Dieser Passantragstermin beim Ausländeramt verläuft reibungslos. Wann der gültige Ausweis und Reisepass kommt? Abwarten. Das syrische Ehepaar kann lediglich die schon recht viel benutzte Fiktionsbescheinigung vorlegen, wo immer sie sich ausweisen müssen.

 

Im Gegensatz zu seiner Frau hat Herr A. keine „Verpflichtungserklärung“ des BAMF erhalten, die unabdingbar notwendig ist, um sich bei einem Integrationskurs (Deutschkurs) anzumelden. Diese Erklärung wird von der Bundesbehörde ausgestellt und ist die Voraussetzung dafür, dass der Deutschkurs mit einer bestimmten Anzahl Stunden bis zu einschließlich B1 bezahlt wird. Zusätzlich muss ein Kostenantrag beim BAMF gestellt werden und wo nötig, auch ein Fahrtkostenantrag. Meistens werden diese Anträge von den Bildungsträgern direkt beim BAMF beantragt, nachdem die „Verpflichtungserklärung“ vorliegt.

 

Weil dieses Papier nicht vorliegt, erlebt Herr A seit Anfang des Jahres eine weitere Odyssee, die bis heute nicht zu Ende ist.

 

Januar 2016. Die betreuende Sozialarbeiterin in der Unterkunft ruft bei der Ausländerbehörde an und schickt E-Mails mit Nachfragen nach dem wichtigen Dokument. Mehrere Versuche, nichts als Vertröstungen. Einfach abwarten.

 

Mitte April. Ich wende mich an seine Jobcenter-Vermittlerin, in Absprache mit der Sozialarbeiterin in der Unterkunft. Eine weitere Behörde einzuschalten, die auch Interesse daran hat, dass ein Flüchtling möglichst schnell Deutsch lernt, schien mir sinnvoll.

 

Die JC-Vermittlerin schreibt also Mitte April eine E-Mail an die Abteilung Ausländerrecht.

 

Am 12. Mai teilt sie mit: Keine Antwort auf Anfrage bei der Ausländerbehörde. Außerdem habe sie die Auskunft erhalten, dass Herrn A. wohl eine Verpflichtungserklärung ausgestellt worden sei. Die hat er aber nie erhalten.

 

24.Mai. Jetzt liegt eine Antwort der Ausländerbehörde vor. Das Problem sei an eine Kollegin weitergeleitet worden. Herr  A. würde kontaktiert, sobald die Berechtigung ausgedruckt werden kann. Grund: Derzeit seien viele Berechtigungen zu erstellen. Das führe oft zu EDV-technischen Problemen, sogenannten .Dublettenproblemen.

 

Ich teile Herrn A. mit, dass sich die Ausländerbehörde meldet. Der aber wartet vergeblich. Keine Reaktion. Herr A. verzweifelt. ICH MÖCHTE EINEN DEUTSCHKURS MACHEN!

 

Wir informieren die Jobcenter-Vermittlerin, dass Herr A. nicht kontaktiert wurde und auch kein Schreiben erhalten hat.

 

Am 28. Juni antwortet die Ausländerbehörde: Der Prozess könne nicht beeinflusst werden. Bitte noch um Geduld, das Schreiben würde direkt an Herrn A. verschickt.

 

Herr A. verzweifelt: ICH MÖCHTE EINEN DEUTSCHKURS MACHEN!

 

Am 29. Juni geht er selbst zur Ausländerbehörde. Er erfährt, er soll auf Post warten. 

 

Den ganzen Juli denkt A. nur: ICH MÖCHTE EINE DEUTSCHKURS MACHEN, WARUM KEIN PAPIER?

 

Am 22. Juni geht A. wieder auf die Ausländerbehörde und erhält einen handschriftlichen Zettel, auf dem steht: „Termin 21.8.2016, 10.45 h Zimmer 105, Eberhardtstr. 35. Integrationskurs?“ Ich will mir den Termin aufschreiben, stelle fest, dass es ein Sonntag ist!

 

Für den 22. August erhält A. dann die offizielle Einladung zur Passantragstellung; diese Geschichte kennen wir schon, siehe oben. An diesem Tag kann ich ihn nicht begleiten. Herr A. fragt bei seinem Besuch in der Ausländerbehörde natürlich auch nach der Verpflichtungserklärung. Antwort: „Warten.“

 

Mir platzt der Kragen, und ich rufe am 23. August beim zuständigen BAMF in Reutlingen-Eningen an. Von  einer  freundlichen Mitarbeiterin erfahre ich, dass seit dem 16. Januar 16 die Verpflichtung für Herrn A. ausgestellt worden sei. Es sei kein Problem, dass er sich bei einem Bildungsträger melde. Sie gibt mir seine Personenkennziffer, die wohl der Schlüssel für die Teilnahme am BAMF-Integrationskurs ist. Sie erklärt mir auch, dass Dublettenprobleme manchmal auftauchen. Liegt kein Schreiben vor, dann nehmen die Bildungsträger Kontakt mit dem BAMF auf. Das würde immer wieder mal vorkommen. Ich bin fassungslos. Mindestens vier Personen versuchen seit Monaten, die Voraussetzungen für die Teilnahme von Herrn A. am Integrationskurs zu erreichen. In dieser langen Zeit hätte er mit dem Kurs beginnen können.

 

29. August: Herr A. hat eine Einladung zu seinem Einstufungstest bei einem Bildungsträger. Er wird eingestuft und erhält eine Anmeldung zum Kurs. Allerdings ist sein Kurs, der Ende September beginnt, schon voll. Also: Warteliste!

 

Das Risiko, dass Herr A. Ende September nicht beginnen kann, weil kein Platz frei wird, wollen wir allerdings vermeiden. Am 1. September sprechen Herr A. und ich noch bei einem anderen Bildungsträger vor, der auch in nächster Zeit einen Alphakurs anbietet. Dort sind noch Plätze frei. Die Sekretärin ruft beim BAMF an, um sich wegen der Verpflichtungserklärung abzusichern. Sie erreicht dort eine andere Kollegin als ich. Diese bestätigt die  Auskunft, die mir gegeben wurde. Verlangt aber, dass Herr A. zur Ausländerbehörde geht und von dort eine Bestätigung bringt, dass die Verpflichtungserklärung nicht ausgedruckt werden kann. Nach meinen Erfahrungen bin ich skeptisch, ob uns die Ausländerbehörde diese Bestätigung liefert. Wir ziehen diesen Kurs zurück.

 

Herr A. versteht die Welt nicht mehr, was nicht nur an seinen rudimentären Deutschkenntnissen liegt. Er ist  mit aller Energie ausgezogen, um Deutsch zu lernen, jetzt fürchtet er die Bürokratie, die er nicht begreifen kann.

 

Trotz meiner Bedenken drängt Herr A. darauf, am gleichen Tag noch die Ausländerbehörde zu besuchen. Seit einigen Monaten gibt es nur noch einen einzigen Raum, bei dem ohne Terminabsprache Fragen vorgebracht werden können. Dort warten etwa 20 Personen. Die Tür wird von einem stattlichen Wachmann versperrt, an dem nicht einmal ein Kind vorbei käme. Wir bleiben nicht, weil wir das richtige Zimmer, nicht das Vorzimmer für unser Anliegen brauchen. Herr A. kennt sich inzwischen gut in den Räumlichkeiten aus. Wir laufen durch die Gänge und finden eine offen stehende Tür. Auf dem Schild keine Namen, nur der Hinweis auf: Ausländerrecht/Migration. Wir gehen hinein. Drei junge Frauen stehen im Raum. Ich bringe unser Anliegen vor. Eine der Frauen setzt sich an den Computer, findet Herrn A. und auch das Dublettenproblem. Ich fühle mich der Lösung des Problems ganz nahe! Wenn alles erfasst ist, dann steht doch nichts im Wege, diese Erklärung auszudrucken. Aber unisono erklären alle drei Damen der Ausländerbehörde ziemlich entschieden: Sie können gar nichts machen, ohne dass das BAMF ihnen die Freigabe dafür gibt. Kann man das fassen? Eine der Frauen erbarmt sich unser. Sie ruft beim BAMF an. Wir müssen draußen warten. Sie informiert uns danach, dass sie sich jetzt darum kümmert. Morgen sei die Sachbearbeiterin für den Buchstaben nicht da, aber nächste Woche. Das heißt, er bekäme nächste Woche Post. Auf meine Frage, ob er denn nun die Verpflichtungserklärung geschickt bekomme, konnte sie mir nur antworten, das wisse sie nicht.

 

Ich möchte den Namen der Mitarbeiterin wissen, um mich vielleicht nochmal mit ihr in Verbindung setzen zu können. Nein, alle Namensschilder in diesem Bereich wurden entfernt,  auch ihre Durchwahlnummern dürfe sie nicht bekannt geben.

 

Die Ausländerbehörde, ein anonymes Monster, das kundendesorientiert arbeiten muss. Ich habe diese Behörde zu Beginn der Ankunft der Flüchtlinge anders erlebt.

 

September 2016. Herr A. aus Syrien WILL DOCH NUR DEUTSCH LERNEN!


 

 

16.08.2016: Hauptsache, Mayss geht es gut

Erfahrungen der syrischen Flüchtlingsfamilie B.
in Feuerbach und Botnang

 

von Christa Cheval-Saur und Michael Zeiß


Was sich Alla Al Deen B. und seine Frau am meisten wünschen? „Dass Mayss gut versorgt und gesund wird“, ihre spontane Antwort, mit einem Lächeln im Gesicht. Mayss, die Tochter, ist sechs Jahre alt und fast blind.
Die Familie B., seit im Mai 2015 in Stuttgart. Vater, Mutter und drei Kinder.

Sie konnte aus der syrischen Stadt Daraa entkommen und in den Libanon fliehen, zum Bruder, der dort lebt. Daraa, wo 2011 die ersten Proteste stattfanden, die ersten Demonstranten starben, die ersten Panzer rollten. „Doch im Libanon hatten wir keine Arbeit, keine Gesundheitsvorsorge für die kranke Tochter, keine Schule oder Kindergarten für die Kinder, keine Chance auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben“, sagt Alla B. Und die Familie hatte Glück, von der UNHCR als besonders schutzbedürftig ausgewählt, durfte sie aus humanitären Gründen als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland einreisen.

 

„Deutsch lernen ist für uns schwer, aber macht trotzdem Spaß“, sagt Hanan. Und dass sie deutsch viel besser kann als der Ehemann, macht ihr sichtlich Freude. “Die Frauen sprechen halt lieber, wir Männer denken vielleicht zu viel nach“, meint Alla B. Beide besuchen Integrationskurse, A2, B1, dann Orientierungskurse. Alla B. war Koch in Syrien, hat Abitur, auf die Frage nach dem Berufswunsch: „Weiß es nicht genau, vielleicht mache ich noch eine Zusatzausbildung.“ Und Frau Hanan Al H., 23 Jahre alt, zu ihren Zielen: „Deutschlernen, klar, und um die drei Kindern kümmern, Mayss braucht viel Aufmerksamkeit.“

 

Vor knapp einem Jahr konnte die Familie B. von der Unterkunft Bubenhalde nach Botnang in eine kleine Drei-

Zimmerwohnung umziehen. Sich einige Möbel und einen großen Fernsehbildschirm anschaffen, viel wurde gespendet. Firas, zwei Jahre alt, geht in die Kita, der ältere Bruder Mohamad in den Kindergarten. Der Freun-deskreis Flüchtlinge Feuerbach machte den Vorschlag, für Mayss einen Platz in der Blindenschule zu finden, die Sozialarbeiter organisierten die Aufnahme in der Nikolauspflege, die ganz in der Nähe liegt. „Die Nachbarn sind freundlich, beim Einkaufen im Supermarkt grüßt man sich, wir fühlen uns wohl in Botnang“, sagen Alla Al Deen und Hanan. Deshalb auch ziemlich groß der Schock, als das Schreiben ins Haus flatterte, dass die Familie ausziehen muss. Weil die SWSG mit Zustimmung der Stadt, die Häuser „neubaugleich“ sanieren will, damit dann wieder und teurer vermietet werden kann.


Das alles sei bekannt gewesen, versichert das Sozialamt. Bewusst war es Familie B. nicht. Aus den eigenen vier Wänden zurück in die Systembauten, alleine in der Zumsteegstraße trifft es rund 65 Bewohner – weil Sozial-wohnungen in Stuttgart massenweise fehlen. Tausende deutsche Wohnscheinberechtigte und Flüchtlinge stehen auf der Warteliste, der freie Wohnungsmarkt ist verstopft, Stuttgarts verfehlte Wohnungsbaupolitik, ein großes Hindernis für Integration, wenn sie denn gelingen soll.

 

Familie B. hat wieder mal ein wenig Glück gehabt. Das Sozialamt hat nach Bitten des Freundeskreises und der Sozialarbeiter entschieden, eine der wenigen ihm zur Verfügung stehenden Sozialwohnungen für Alla B. und seine Familie wegen ihrer blinden Tochter in Untertürkheim bereit zu stellen. „Am Anfang waren alle freundlich, herzlich willkommen und so, jetzt ist der Ton rauer geworden, vor allem bei den Behörden“, sagen die Bs. „Aber wir kennen schon einige Stuttgarter, die uns besuchen kommen und helfen“, berichten Alla und seine Frau. Sie hoffen, dass das auch nach dem Umzug so bleibt. Und sagen noch, „wir denken oft an Syrien, an die Verwandten im Krieg“. Und natürlich würden sie gerne zurückkehren. „Aber wir bleiben hier, wegen Mayss.“ Fast wirken sie ein wenig resig-niert. Eine Verbesserung der Situation für Mayss ist das, wofür Alla und Hanan B. kämpfen. Für sich selber, für die eigenen Wünsche der Eltern sind sie hier noch nicht angekommen. Mayss drückt sich eng an den Vater, der sie auf den Knien hält.